Probeartikel

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Warum lässt Gott das Leid zu?

Theologischer Gedankenanstoß

Zielgruppe: Jugendliche ab 14 Jhren

Dauer: ca. 1 Stunde (je nach Auswahl)

Gruppengröße: max. 10 Jugendliche

Die Frage, wie Gott und das Leiden auf unserer Erde zusammenhängen, hat Menschen schon von jeher umgetrieben. Wie kann ein liebender, gerechter und allmächtiger Gott zulassen, dass Menschen leiden, von Krankheiten geplagt werden, dass sie brutal gequält oder getötet werden? Das Fachwort für dieses Nachdenken über das Verhältnis von Gottes Gerechtigkeit und dem Leid der Welt "Theodizee" geht auf den Philosophen G. W. Leibniz (1646-1716) zurück. Die Frage nach dem Leid liegt uns besonders dann schwer auf der Seele, wenn wir selber oder uns nahe stehende Menschen von Leid betroffen sind. Vielleicht bringen uns auch die allgegenwärtigen Bilder und Nachrichten vom schrecklichen Leiden unzähliger Menschen auf unserer Welt ins Grübeln. Dann ist die Frage nach Gott und dem Leid plötzlich keine interessante theologische Frage mehr, sondern von ihrer Beantwortung hängt viel, ja vielleicht alles für uns ab. Kann uns doch das verzweifelte Nachdenken darüber, warum Gott uns leiden lässt, den Glauben und das Vertrauen zu einem liebenden Vater im Himmel rauben.
Warum lässt Gott das Leid zu? Wenn wir in die Bibel schauen, dann entdecken wir - so glaube ich - fünf Gedanken, die uns weiterhelfen können.

1.Warum Gott Leid zulässt, ist letztlich sein Geheimnis

Zunächst muss ganz klar betont werden, dass wir in der Bibel keine pauschale Antwort auf die Frage finden, warum Menschen leiden müssen. Die Bibel ist eben keine Gebrauchsanweisung fürs menschliche Leben, die uns bis ins Kleinste erklärt, warum alles so ist, wie es ist. Klar ist in der Bibel, dass durch die Sünde der Menschen unsere Welt nicht mehr so ist, wie sie eigentlich von Gott gedacht und gut geschaffen war. Dass Menschen leiden, krank sind und sterben müssen, hängt damit zusammen, dass wir Sünder sind, d. h. dass wir unser Leben ohne Gott auf die Reihe bekommen wollen (vgl. 1. Mose 3,16; Römer 5,12; Römer 6,23). Wenn wir uns auf unserer Erde umschauen, dann sehen wir ja auch voller Entsetzen, was Menschen alles anrichten können, wenn sie sich nicht an Gottes Maßstäben orientieren. Und dennoch suchen wir in der Bibel vergeblich nach einer Aussage, mit der wir erklären können, warum gerade dieser oder jener Mensch leidet.

Immer wieder begegnen mir jedoch drei scheinbar fromme Antworten auf die Frage nach dem Leid, die aber mit der biblischen Position rein gar nichts zu tun haben:

Leid als Strafe?

Vielleicht haben wir manchmal schon die Meinung gehört, dass Leid die Strafe für Sünde ist. Ich erinnere mich an manche Aussagen von Menschen wie z. B. "Was hat der nur verbrochen, dass ihn Gott so hart straft?". Zwar gibt es an einzelnen Stellen in der Bibel die Vorstellung, dass Leid die Folge einer Sünde ist (vgl. z. B. 2. Samuel 12,14), aber diese Aussagen können nicht als allgemein gültige Erklärungen für Leiden verstanden werden. Es geht hier eher um das Wissen, dass Leid die Folge eines Lebens ohne Gott sein kann (z. B. wissen wir ja auch darum, dass Neid krank machen kann).

Entscheidend ist, dass Jesus selber einmal ganz ausdrücklich die Vermutung seiner Jünger zurückweist, dass an der Blindheit eines Mannes entweder er selber oder seine Eltern schuld sein müssten (vgl. Johannes 9,1-7). Außerdem lernen wir Gott in der Bibel nicht als einen kennen, der uns immerzu auf die Finger klopft wegen unserer Fehler. Ganz im Gegenteil: In Jesaja 53,5 steht ein Satz, den die ersten Christen auf den Tod von Jesus bezogen haben: "Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten". Gott straft also nicht uns, sondern nimmt die Strafe in Jesus selber auf sich. Darum müssen wir nie mehr Angst davor haben, dass unser Leid eine Strafe sein könnte.

Leid muss doch für etwas gut sein ? oder?

Manchmal ist uns vielleicht auch schon die Aussage begegnet, dass Gott uns durch  Leid erziehen möchte, und unser Leiden darum für etwas gut ist. Ich erinnere mich z. B. an den Tipp, nicht "warum", sondern "wozu" zu fragen, also: "Wozu lässt Gott das zu?" Mit diesem Ratschlag habe ich - ehrlich gesagt - meine Schwierigkeiten. Wir Menschen können Gott nicht in die Karten schauen, so dass wir immer wüssten, wozu etwas gut ist. Es gibt in der Bibel zwar einige Stellen, die davon sprechen, dass Gott Menschen durch ihr Leid etwas zeigen will (vgl. z. B. 1. Korinther 11,30.31), aber wir können - wenn überhaupt - nur im Nachhinein erkennen, warum etwas soundso gekommen ist. Wenn jemand von tiefem Leid getroffen ist, dann kann er nur schwer erkennen, wozu das gut sein soll.

Kampf der Giganten?

Auch eine dritte Erklärung für das Leid, nach der Gott für das Glück und der Teufel für das Böse zuständig sind, suchen wir in der Bibel vergeblich. Auf den ersten Blick wäre es ja eine logische Erklärung, dass Gott für Sonnenschein und Freude und der Teufel für Liebeskummer und Zahnweh verantwortlich ist. Die Schreiber der Bibel wissen zwar darum, dass es eine böse Macht gibt, die Menschen zerstören will. Doch es ist völlig klar, dass Gott und der Teufel nicht zwei gleich starke Konkurrenten sind, sondern Gott alles in der Hand hat. Ja, es gibt sogar Bibelstellen, die davon sprechen, dass Gott Leid nicht nur zulässt, sondern es selbst tut (vgl. Amos 3,6 und Jesaja 44,7). Wenn wir glauben, dass Gott der Herr der Welt und allmächtig ist und alles in der Hand hat, dann ist es ja auch schwer vorzustellen, dass etwas geschieht, was Gott einfach nur unbeteiligt zulässt.

Warum lässt Gott Leid zu? Eine eindeutige Antwort, die uns ein für allemal die Frage nach dem Leid löst, finden wir auf diese Frage in der Bibel nicht. Und dennoch werden wir mit unseren Fragen und Zweifeln nicht einfach im Regen stehen gelassen. Wir mögen auf die Frage nach dem Warum des Leidens keine Antwort finden, aber die Bibel zeigt uns, wie wir mit unserem Leid umgehen können. Es geht nicht darum, dass wir verstehen, warum Leid geschieht, sondern wie wir damit zu Recht kommen.

2. Herausschreien, was quält ? die Chance, ehrlich zu sein

Ich finde es beeindruckend, wie sich durch die ganze Bibel eine große Ehrlichkeit zieht. Menschen setzen keine frommen Masken auf, sondern schreien und klagen und schütten ihr Herz vor Gott aus: Da hat z. B. der leidende Hiob alle Hoffnung verloren und verflucht den Tag seiner Geburt (Hiob 3,2) oder in den Psalmen klagen Menschen ehrlich ihr Leid (besonders eindrücklich finde ich Psalm 88, da hier am Schluss kein Lob oder Hoffnung steht). Die Menschen in der Bibel waren ehrlich zu sich selber und zu Gott. Sie haben nicht schön fromm ihr Leid hinuntergeschluckt, sondern sie haben mit Gott gerungen.
Gott möchte also, dass es ehrlich zugeht zwischen ihm und uns. Das ist unsere Chance: Vor Gott darf ich ehrlich sein und alle Enttäuschung, Wut und Zweifel heraus lassen. Da hört sich mein Gebet manchmal vielleicht gar nicht nach einem Gebet an. Martin Luther hat einmal gesagt: Solche ehrlichen Gebete sind Gott angenehmer als mancher schöne Choral.
Wichtig ist eins: Wenn wir Gott unsere Not klagen, ihn vielleicht sogar anklagen, dann ist es entscheidend, dass wir nicht über ihn reden, sondern mit ihm. Entscheidend ist, dass unser Klagen beginnt mit: "Gott, du...". Klagen bedeutet, Gott in unser Leben, in unsere innersten Gefühle mit hinein nehmen.

3. Christen leben im Schatten des Kreuzes

Mich selber tröstet bei der Frage nach dem Leid der Gedanke, dass Gott weiß, was es heißt, zu leiden. Denn er hat es am eigenen Leib erlebt. Das Kreuz von Jesus hält uns vor Augen, dass Gott selber in die tiefste Tiefe hinabgestiegen ist, damit wir in unserer Tiefe nie mehr allein sein müssen. Gott ist mit uns mitten drin in dem, was uns fertig macht. Das Kreuz von Jesus lässt uns zugleich einen Blick ins Herz Gottes tun: Weil Gott in Jesus diesen Weg des Leidens ging, um uns Menschen zu befreien von unserer Sünde, von dem, was unser Leben niederdrückt und belastet, dann ist Gott wirklich Liebe und nichts als Liebe (vgl. 1. Johannes 4,16; Römer 8,32). Am Kreuz Jesu können wir ablesen, dass Gott uns gut ist ? auch wenn alles in unserem Leben dagegen zu sprechen scheint.

4. Christen leben im Licht der Auferstehung

Weil Jesus von den Toten auferstanden ist, haben Leid und Tod nicht mehr das letzte Wort. Die Macht Gottes ist stärker als alles, was unser Leben zu zerstören droht. Seit der Auferstehung von Jesus ist klar, dass Gott einmal allem Leiden ein Ende machen wird. Im letzten Buch der Bibel, der Offenbarung, gibt es einen Bibelvers, der mich immer wieder berührt, wenn ich ihn lese: "Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen" (Offenbarung 21,4). Ganz zärtlich wird Gott hier beschrieben als einer, der wie ein liebender Vater, eine liebende Mutter dem noch schluchzenden Kind die Tränen trocknet. Eine liebevollere Geste kann man sich eigentlich kaum vorstellen. So besorgt um uns und liebevoll ist Gott. Das erklärt nicht das grausame Leid auf der Welt und lindert vielleicht auch nicht unseren Schmerz hier auf der Erde. Und doch kann uns das eine Hoffnung geben, die schon jetzt das Leben bestimmt. Es wird nicht alles beim Alten bleiben. Zugleich ist dieser Vers aus der Offenbarung eine Einladung, unsere Traurigkeit über das Leid, das Menschen trifft, zuzulassen. Denn, wie hat es der schwäbische Theologe Johann Albrecht Bengel treffend formuliert: "Wenn Christen sich verbieten zu weinen, kann Gott ihnen nicht einmal die Tränen abwischen".

5. Vertrauen wagen

Die Texte der Bibel laden uns ein, Vertrauen auf Gott zu wagen mitten im Leid. Wie in den Psalmen nachzulesen (vgl. z. B. Psalm 13), finden wir aber erst dann zu neuem Vertrauen, wenn wir ehrlich mit Gott gerungen haben und durch Zweifel und Nichtglaubenkönnen hindurch gegangen sind.  
Auch wenn die Bibel uns keine Antwort auf die Frage gibt, warum Gott Leid zulässt, so finden wir in ihr dennoch die Hoffnung, dass Gott unser Leben mit allen Höhen und Tiefen fest in seiner Hand hält. Uns begegnen in der Bibel Menschen, die darauf vertrauten, dass das bei Gott Sinn ergibt, was uns verworren und völlig unverständlich scheint. Paulus spricht davon, dass "denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen" (Römer 8,28). Dieser Bibelvers ist sicher schon oft als billiges Trostpflaster missbraucht worden, aber dennoch enthält er eine tiefe Wahrheit, die mir selber erst anhand einer eindrücklichen Geschichte des Schriftstellers Adrian Plass aufgegangen ist. Er erzählt, dass in der alten Kathedrale der englischen Stadt Winchester ein buntes Kirchenfenster zu sehen ist, das aus Hunderten von kleinen bunten Glasteilchen zusammengesetzt ist. Wenn man genau hinsieht, erkennt man z. B. einen Fuß oder einen Teil eines Gesichts. Aber die Glasstücke sind so willkürlich zusammengesetzt, dass das ganze Bild völlig unsinnig erscheint. Nicht immer hat dieses Fenster so ausgesehen. Ursprünglich hatte es ein vollständiges Bild gezeigt. Im 17. Jh. herrschte Krieg und das Fenster wurde von feindlichen Soldaten zertrümmert. Heimlich sammelten die Ortsbewohner die Bruchstücke ein und versuchten das ursprüngliche Bild wieder zusammenzusetzen. Das Fenster konnte jedoch nur so wieder hergestellt werden, wie man es heute noch bewundern kann. Kein vollständiges Bild ist mehr zu sehen, doch irgendwo im Durcheinander der bunten Glasscherben ist das ursprüngliche Bild erhalten, es ist noch ansatzweise zu erkennen.

Dieses Kirchenfenster macht deutlich, was Paulus meint, wenn er sagt: "Alle Dinge dienen zum Besten". Da liegt das Leben manchmal in Trümmern, wie vor 300 Jahren das Kirchenfenster in Winchester. Aber wie die Bewohner von Winchester die Teile des Fensters, so sammelt Gott behutsam die Bruchstücke unseres Lebens ein. Er bewahrt sie auf und setzt sie wieder zusammen. Die Bruchstücke unseres Lebens sind bei ihm gut aufgehoben und er fügt sie zu einem Bild zusammen. Zwar erkennen wir noch nicht das Originalbild. Aber unser Leben ist kein Trümmerhaufen mehr. Die Bruchstücke des Lebens ergeben ein Bild, wenn auch ein gebrochenes. Ein Bild, das nur teilweise zu erkennen ist. Aber ein Bild, kein Chaos. Das Schlechte wird zum Guten, die Bruchstücke dienen dazu, ein Bild zu formen. Alle Dinge dienen zum Besten, zum Guten.
Eine Antwort auf die Frage,  warum Gott Leid zulässt, ist das nicht. Aber uns wird Mut gemacht, in allem und trotz allem Vertrauen zu wagen.

Cornelius Kuttler, Calw-Altburg, Pfarrer

Aus: Der Steigbügel 2/2008 (328)

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