Probeartikel

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Die Sache mit dem Geiger

Zielgruppe: Jugendliche, Konfirmanden

Dauer: 10 Minuten

Gruppengröße: egal

Seit ein paar Tagen läuft ein Gerücht um in der Schule. Die Schüler stecken in der Pause immer wieder die Köpfe zusammen. "Das können die doch nicht machen", hört man. Ein anderer sagt: "Wenn ich dabei bin, wird sich mein Vater mit einem Rechtsanwalt wehren."
In den letzten Wochen war es an der Schule schlimm zugegangen. Tische wurden beschädigt, an zwei Einbauschränken wurden die Türen ausgebrochen, eine Fensterscheibe ging zu Bruch und auf dem teuren Steinfußboden im Foyer war offensichtlich eine Glasflasche zerschellt, so dass eine Platte ausgewechselt werden musste. Auch Vorfälle mit Gewalt gab es. Ein Schüler fiel in der großen Pause im Sporthof zu Boden und musste mit Gehirnerschütterung ins Krankenhaus. Wie es dazu kam, wusste offensichtlich niemand. Am schwarzen Brett hatte der Schulleiter einen Aushang veröffentlicht, dass sich die Täter der Sachbeschädigungen auf dem Sekretariat melden sollten. Er gab die Drohung der Stadtverwaltung weiter, dass im nächsten Haushaltsjahr die Geldmittel wegen den derzeitigen hohen Reparaturkosten eventuell gekürzt würden. Viele Lehrer hatten in den Klassen regelrecht gedroht. So würde das nicht weitergehen. Man sei ja schließlich nicht in New York.

Das Gerücht besagte, dass die Gesamtlehrerkonferenz zwei Schüler aus der Schule ausschließen wolle. Wer diese beiden sein sollten, wusste niemand. Die Lehrer äußerten sich gar nicht. Kinder von Elternvertretern hatten Vermutungen gehört.
Bin ich unter den beiden? Mir war es gar nicht wohl. Zu den Schlimmsten gehöre ich sicher nicht. Aber bei der Sache mit Geiger war ich beteiligt. Das war vor etwa sechs Wochen. Der Lehrer Geiger, "Paganini" war sein Spitzname nach einem berühmten Violinspieler, musste mitten in der Stunde auf die Toilette. Er ging in das nahe gelegene Jungen-WC. Jürgen hatte die Klassenzimmertüre geöffnet und ihm nachgeschaut. Geiger hatte seinen Schulschlüssel, mit dem wir öfter die Landkarten holen mussten, auf dem Pult liegen gelassen. Ich und zwei andere Jungs liefen zur Toilette und schlossen von außen leise zu. Nach etwa 20 Minuten kam Geiger kreidebleich zusammen mit dem Direktor in das Klassenzimmer. Wir taten so, als ob wir von dem Vorfall gar nichts wissen würden. Geigers Schlüssel lag an seinem Platz. Niemand hatte beobachtet, dass Schüler die Türe zugeschlossen hatten. Wie wir später erfuhren, wollte ein Junge aus einer anderen Klasse auf das WC und fragte dann im Sekretariat, warum die Türe verschlossen sei. Er müsse schließlich pinkeln. Der Direktor schloss auf und Geiger stand fassungslos im Waschraum. Er könne sich nicht erklären, wie das geschehen sei.
Uns konnte man nichts nachweisen. Die ganze Klasse hat dicht gehalten. Auch Druck von den Eltern hat nichts bewirkt.

Aber vielleicht hat einer aus unserer Klasse doch was gesagt. Hat meinen Namen genannt. Wer könnte dies sein?
"Bin ich's? Werde ich ausgeschlossen?". Das wäre eine Katastrophe. Welche Schule würde mich aufnehmen? Vermutlich keine. Mein Vater würde knallhart reagieren. "Was Du Dir eingebrockt hast, musst Du auslöffeln", war einer seiner Sprüche. Den Roller-Führerschein könnte ich dann vergessen.
Eine blöde Situation. Dieses gegenseitige Belauern ist der größte Mist. Keiner traut mehr dem anderen. War außer der Sache mit Geiger sonst noch etwas? Gut, vor etwa drei Wochen hatte ich diesem Knirps aus der fünften Klasse, der uns den Ball wegnehmen wollte, das Bein gestellt, so dass es ihn längs hingehauen hat. Der stand gleich wieder auf und hat sich blöd umgeschaut. Er wusste gar nicht, wer ihn hat stolpern lassen. Mich hat da kein Lehrer angesprochen. Der Kleine hat sich vermutlich auch nirgendwo beschwert. Er hatte ja auch selber Schuld, der Trottel. Muss sich ja nicht mit uns anlegen.  

Ob mich jemand angeschwärzt hat? Vielleicht einer, der mehr Dreck am Stecken hat als ich? Um sich selbst zu retten. So wie es zur Zeit läuft, macht die Schule gar keinen Spaß mehr. Nicht mal unsere Scherze mit den Kleinen können uns wieder locker machen. Und immer dieses verdammte Gefühl der Bespitzelung und der Verleumdung.

Manfred Pohl, Schlat

In: Der Steigbügel 2/2007 (324)

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