Probeartikel

< Die Sache mit dem Geiger

Vom Bemühen, Weihnachten zu retten!

Eine Weihnachtsgeschichte zum Mitmachen

Zielgruppe: Jugendliche ab 15 Jahren, Mitarbeitende

Dauer: ca. 1 Stunde

Gruppengröße: ab 6 Personen

Und so funktioniert's:

Die Jugendlichen hören den ersten Teil der Geschichte. In diesem Teil wird die Grundsituation geschildert. Der Fortgang der Geschichte ist zuerst einmal offen. Es gibt drei Versionen, die jeweils eine andere Richtung der Geschichte einschlagen. Diese Versionen werden kopiert und in die Mitte gelegt. Jede Version wird von einem Jugendlichen vorgelesen. Nun entscheiden sich die Jugendlichen, welcher Spur sie folgen möchten. Die Aufgabe besteht darin, die Geschichte weiter zu spinnen. Das kann z.B. so aussehen, dass sie alle Jugendlichen für Version B entscheiden und dann in unterschiedlichen Kleingruppen entsprechende Konzepte entwickeln, die dann später vorgestellt werden. Es können aber auch alle drei Versionen von unterschiedlichen Jugendlichen bearbeitet werden. Wichtig ist, dass alle Kleingruppen ihre Vorschläge zur Rettung des Weihnachtsfestes vor. Je nach Situation kann diesen Vorschlägen unsere Version eines Abschlusses der Erzählung oder eine kurze Andacht folgen (einige Stichpunkte lassen sich ebenfalls in unserer Version eines Abschlusses).

Erzählung

"Es tut mir leid, aber Weihnachten ist nicht mehr drin!" Das Bedauern über diese Tatsache hörte man dem Kirchenbezirksrechner an. Totenstille in der Kirche. Der Schrecken stand den Gemeindegliedern ins Gesicht geschrieben. Mit zitternder Stimme fuhr der Redner fort. Er erläuterte die Zahlen, stellte Rechnungen auf, begründete alle Ausgaben und tat sein Bestes. Es hörte ihm niemand zu. Ob alt oder jung, ob Mann oder Frau, diese Nachricht lähmte alle.

Der Schlag saß! Nach dem Gottesdienst, sprach niemand ein Wort. Einige blieben wie angewurzelt auf ihren Plätzen sitzen. Die Orgelmusik donnerte von der Empore. Nachdem diese verstummt war, lag ohnmächtiges Schweigen zentnerschwer auf den Anwesenden. Die Stille war unerträglich. "Was soll´s, wir haben ja noch Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten!", war eine Stimme zu hören. Blitzartig drehten sich alle der Richtung zu, aus der die Stimme kam. Dem Entsetzen über diese Worte, folgte ein heilloses Durcheinander. Jeder sprach mit jedem über die Ungeheuerlichkeit dieser Aussage. Einige Männer rotteten sich zusammen und schimpften lautstark durch das Kirchenschiff. Kinder begannen zu weinen. Mütter und Väter versuchten sie zu trösten und versprachen, dass es bei ihnen zu Hause nach wie vor Geschenke geben werde. Doch Trost gab ihnen dieses Versprechen nicht. Die Pfarrerin saß, den Kopf tief in die Hände versunken, in der ersten Kirchenbank. So schlimm hatte sie sich den Bericht des Kirchenbezirksrechners nicht vorgestellt. Die Konfirmanden, in der Bank hinter hier, führten rege Diskussionen.

Version A  

Ein Mädchen sagte trotzig: "Mir doch egal! Ich lasse mir Weihnachten nicht wegnehmen!". Die anderen Konfirmanden nickten zustimmend. Ein zweiter wiederholte die Worte: "Ich lasse mir Weihnachten nicht wegnehmen!". Ein dritter wiederholte den Satz ein weiteres Mal. Die anderen in der Reihe stimmten selbstbewusst mit ein. Zuerst hallte dieser Satz nur leise und zaghaft durch die Kirche, aber immer mehr reihten sich ein. Es war noch nicht einmal ein Minute vergangen und wie mit einer Stimme tönte es durch die Kirchenbänke: "Wir lassen uns Weihnachten nicht wegnehmen!". "Wir lassen uns Weihnachten nicht wegnehmen!". So einig war sich die Gemeinde noch nie!
Die Pfarrerin erhob sich und ging zum Mikrofron. "Dann lasst uns für Weihnachten kämpfen!", sagte sie beherzt. Ihr entschlossener Blick machte allen deutlich, dass es ihr ernst war! "Ja, lasst uns für Weihnachten kämpfen!", sagt sie entschlossen.

Version B

Der Kirchenbezirksrechner erhob sich. Er fühlte sich nicht wohl in seiner Haut, das war ihm deutlich anzusehen. Er ging zum Mikrofon, seine Stimme klang farblos und leer: "Ihre Betroffenheit, aber sie wussten alle, wie es mit den Finanzen in dieser Gemeinde steht. Welche Einsparungen haben wir nicht schon versucht, aber niemand war zu Kompromissen bereit. Nun haben wir uns entschieden. Um allen anderen Ansprüchen gerecht werden zu können, müssen wir sparen. Weihnachten betrifft uns alle gleichermaßen. Glauben Sie mir, es fällt mir nicht leicht, Ihnen das zuzumuten. Aber nun ist der Zug abgefahren." Und noch einmal rechnete er der Gemeinde die jährlich entstehenden Kosten für ein Weihnachtsfest vor ? Christbaum ausgenommen, den würde man sicherlich auch gespendet bekommen.
Eine Frau aus dem Kirchengemeinderat trat aus der Kirchenbank. Ihre Stimme bebte als sie sprach: "Sie haben Recht, Herr Kirchenbezirksrechner! Für uns war immer alles ganz selbstverständlich. Wir haben große Reden geschwungen und uns für die Bereiche eingesetzt, die uns wichtig waren. Das große Ganze haben wir dabei aus den Augen verloren! Deshalb schlage ich vor, dass wir uns auf unsere Wurzeln besinnen. Weihnachten ist doch mehr als Christbaum, Lichterketten und Weihnachtsgans. Bitte geben sie uns eine Woche Zeit. Danach stellen wir Ihnen unser Konzept vor, wie wir zukünftig Weihnachten feiern möchten."

Version C

"Was habt ihr nur aus Weihnachten gemacht!". Als wäre die Gemeinde nicht schon genug gestraft, musste sie sich nun auch noch diesen Vorwurf gefallen lassen. Ein Mann, den niemand in der Gemeinde kannte stand in der letzten Reihe. Mit unbarmherziger Härte fuhr der Unbekannte fort: "Nun ist euer Heulen groß! Man hat euch eine schöne Tradition genommen. Aber wisst ihr eigentlich noch, was ihr da an jedem 24. Dezember feiert? Der Inhalt eurer Krippenspiele geht euch doch schon seit Jahren nicht mehr zu Herzen." Der Mann drehte sich um und verließ die Kirche. Es war eine eigentümliche Atmosphäre um ihn herum und sein Weg war von kleinen Federn gesäumt. Die Anwesenden waren betroffen. "Er hat Recht!" hörte man still durch die Reihen raunen.

Vorschlag für einen möglichen Schluss der Geschichte
Ein paar besonders engagierte Gemeindeglieder beschlossen, sich noch in der kommenden Woche zu treffen und die Rettung des Weihnachtsfestes zu besprechen.
Nach vielen Diskussionen in die eine und wieder in die andere Richtung brachte eine ältere Dame mit verschmitztem Lächeln den entscheidenden Vorschlag: "Die finanzielle Situation zwingt uns, unser Weihnachten zu überdenken. Wir können es nicht mehr so feiern, wie wir es in früheren Jahren gefeiert haben. Aber wir sind uns alle darin einig, dass wir es deshalb nicht ausfallen lassen wollen. So lasst uns doch dies alles dazu nutzen, uns ein wenig über die eigentlichen Inhalte dieses Festes nachdenken, und das Fest vom Kommerz entrümpeln!"
Und so wurden dann wichtige Gedanken festgehalten: "Gott selbst wurde Mensch" ? "Der Retter ist geboren" ? "Der Beginn einer neuen Zeitrechnung" ? "Der Schöpfer mischt sich in die Weltgeschichte ein" ? "Die Tatsache Weihnachten geht ganz allein auf Gottes Initiative zurück"

Dass man daraus doch etwas machen könnte stand schnell fest. Was draus wurde, verwunderte am Heiligen Abend die meisten, einige ließen sich abschrecken aber die meisten machten sich auf den Weg:
Die Gemeindeglieder fanden nämlich an der Kirchentür lediglich einen Hinweis: "In diesem Jahr ist kein Platz in der Herberge, bitte probieren sie es am Gasthaus Adler". Dort wiederum stand ein weiteres Schild, auf dem zu lesen war, dass der erwartete Jahres-Umsatz in diesem Jahr noch nicht erreicht wurde, und deshalb am heutigen Abend Eintritts-Preise für den (weihnachtlich wunderbar geschmückten) Festsaal verlangt werden müssten. Wer diesen Betrag nicht aufbringen konnte oder wollte, wurde mit dem Hinweis, es doch einmal an der Bahnhofs-Gaststätte zu versuchen weitergeschickt.
Aber auch hier hatten die Kirchenbesucher kein Glück. Erst nachdem einige aufgebrachte Kirchenbesucher mehrfach an den verschlossenen Fensterläden geklopft hatten, weil sie Licht in der Gaststätte gesehen hatten, öffnete ihnen der Wirt und schickte sie verärgert weiter, sie sollen ihr Glück doch einmal in dem Stall am Ortsausgang versuchen, der vom Gemeinderat zum Abbruch im kommenden Frühjahr freigegeben wurde. Es gab eine kleinere Diskussion, ob sich der Weg dorthin überhaupt noch lohnen würde, und ob es dort nicht für die Festtags-Bekleidung viel zu schmutzig wäre bevor sich dann doch eine stattliche Anzahl Besucher im kärglich geschmückten Stall einfand, durch dessen marodes Dach der Nieselregen hereintropfte. Drinnen standen Maria und Josef und dazu das Kind in einem Futtertrog. Die beiden waren über den vielen Besuch sehr überrascht, die Gegenseite nicht minder über den Aufzug der beiden.

Nachdem irgendwer tatsächlich ein paar Decken eingepackt hatte, und jemand anderes Tee-Punsch und etwas zu essen, setzten sich alle in den trockensten Teil des Stalles und diskutierten miteinander, wie sich die Original-Weihnachtsgeschichte wohl zugetragen haben könnte, welch ungeheuerliche Neuigkeit den Hirten damals in dem erbärmlichen Stall überbracht wurde und wie weit wir uns heute von dieser Ungeheuerlichkeit bereits entfernt haben.

Als "Abschluss" fasste die ältere Dame, die den Stein ins Rollen gebracht hatte, noch einmal das Wichtigste zusammen:
"Wir werden Weihnachten nur begreifen, wenn wir uns aus unserem Reichtum in die Armut der Welt hinab begeben, wie es Gott selbst in jener Nacht tat. Nur hier wird deutlich, dass wirklich alle Menschen mit der guten Nachricht gemeint sind, nicht nur die Oberschicht. Aber wir dürfen nicht beim niedlichen Jesu-Kind in der Krippe stehenbleiben. Wenn wir die Tragweite begreifen wollen, gehört das Leben, Wirken und das Gedankengut jenes Mannes aus Nazareth ebenso dazu, wie sein Tod, der uns mit uns selber versöhnt, weil uns hier unsere Schuld abgenommen wird. Und ohne die Auferstehung, die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod, wäre wiederum ein wichtiger Teil des Wirkens und der frohen Botschaft ausgeklammert. Erst alles zusammen ergibt ein Bild vom "lieben Gott", der uns mit seiner Liebe täglich und persönlich beschenken will. Darum lasst uns gemeinsam Weihnachten feiern!"
Es wurde spät in jener Nacht im Stall, ehe die Kirchenbesucher sich wieder auf den Heimweg machten, aber alle gingen anders nach Hause, als an "normalen" Weihnachtsabenden.

Heike und Thomas Volz, Böblingen

Aus: Der Steigbügel 4/2004 (314)

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