Probeartikel

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Aktivgruppen

Eine andere Form von Gruppenarbeit

Zielgruppe: Mitarbeitende

Dauer:

Gruppengröße:

Sie heißen Andrea, Sharif, Kevin, Simon oder Cansu. Sie sind Stadtkids oder Jugendliche vom Land. Sie möchten gefordert werden und Verantwortung übernehmen. Sie sind motiviert, sich aktiv einzubringen. Wo dies geschieht zaubert das ein Leuchten in ihre Augen, wächst Begeisterung und entsteht ein Wir-Gefühl.
In unseren Teeniekreisen, Mädchentreffs oder Jungenschaften wünschen wir uns oft, dass die Teens die Jugendgruppe als ein Zuhause erleben. Als ein Stück Heimat, für das sie sich verantwortlich fühlen und in das sie ihr Herzblut einbringen. Aktivgruppen schaffen einen Rahmen, wo dies passiert. Und diese Gruppen können durchaus auch ihr Umfeld beeinflussen und sich einmischen.

Aktivgruppen bieten Jugendlichen spannende Herausforderungen, sind handlungs­orientiert und laden zum Glauben ein. Für die Jugendgruppe bedeutet das, dass die Jugendlichen in konkreten gemeinsamen Projekten ihre Talente wahrnehmen können. Die Jugendlichen selbst werden aktiv. Die Jugendgruppe entwickelt sich dadurch weg vom reinen Programmangebot für konsumierende Jugendliche. Sie bietet vielmehr Frei- und Entfaltungsräume, in denen Jugendliche ihre Fähigkeiten, ihre Persönlichkeit, den Glauben, ja Gott entdecken können.

Aktivgruppen - Jugendarbeit dreidimensional

Aktivgruppen sind Gruppen, bei denen Jugendliche sich beteiligen und nicht Programmangebote konsumieren. Die Mitgestaltung Jugendlicher ist ein Schlüssel für eine Jugendarbeit, die die Gegenwart nicht verschlafen möchte. Partizipation finden alle gut. Doch Reden über Beteiligung ist das eine, Tun das andere. Natürlich gab es schon immer Beteiligungsstrukturen in der Jugendarbeit. Lässt man sich aber darauf ein, Jugendliche als die eigentlichen Akteure der Jugendarbeit zu verstehen, dann wird deutlich, dass Partizipation bei uns oft eher dekorativen Charakter hatte.
Wie können aktive Jugendgruppen aussehen, die Freiräume sind? Wie müssen sie gestaltet sein, damit Jugendliche das entfalten können, was in ihnen steckt?

Aktivgruppen haben drei Dimensionen:

  • OUT - Ihre Beziehung nach Außen: Aktivgruppen haben eine Außenwirkung.
  • IN - Ihre Beziehung nach Innen: Aktivgruppen leben Gemeinschaft.
  • UP - Ihre Beziehung zu Gott. Aktivgruppen laden zum Glauben an Jesus Christus ein.

Aktivgruppen bedeuten dann für die Mitarbeitenden-Teams () einen Rollenwechsel. Es ist durchaus eine Art Kulturschock, wenn die klassische Helferrolle, das "Wir für euch" wegbröselt und man verunsichert einübt, was wir "leading from behind" nennen, ein Spiel von Nähe und Distanz, vor allem aber von praktizierter Demut. So erst können die Jugendlichen () ihre Berufung entdecken und diese gemeinsam in der Gruppe leben - darin liegt die zentrale Vision von Aktivgruppen.

OUT - Ziele setzen, für andere da sein

Vor allem die Dimension OUT ist für viele Jugendgruppen das Neue. OUT steht für den Output der Gruppe, für ihre konkrete Projektaufgabe. Aktivgruppen bieten Herausforderungen, sie leben auf ein Ziel zu: einen Auftritt, ein Endprodukt oder ein Lernziel. Die Aktivgruppe macht etwas für andere. Einige Beispiele:

Pausenspiel-Mentoren-Gruppen (Break Time Action)
Einmal in der Woche "Action" auf dem Pausenhof an der Schule (z. B. Torwandschießen, Dosenwerfen, Bobbycar-Rallye). Die Vorbereitungstreffen sind im Gemeindehaus. Eine kleine Liturgie (die UP-Time) gehört als festes Abschlussritual zu jedem Treffen.

Kid's Party Service
Jugendliche gestalten Kindergeburtstage, Erwachsene spenden.

Hilfstransport
Die Gruppe organisiert einen Hilfstransport nach Osteuropa. Von der Planung und Präsentation der Idee in Kirchengemeinden oder Vereinsgruppen über die Einsammlung und Verpackung der Güter bis hin zur Auslieferung in Form einer Sommerfreizeit.

Das Besondere: Die Gesamtgruppe ist für das Bestimmen und dann auch für das Erreichen des Ziels zuständig. Die Mitarbeitenden nehmen die Jugendlichen vom Anfang bis zum Ende mit in diesen Prozess hinein. Aspekte wie Feedback und Reflexion werden so wichtig und sind somit wesentliche Faktoren für die IN-Dimension.

IN - intensive Gemeinschaft ermöglichen

Die IN-Dimension markiert das Binnenleben. Gemeinschaft ist wichtig in Aktivgruppen. Die Gruppenmitglieder helfen einander ihre Gaben und Fähigkeiten zu entwickeln. Gruppenprozesse und Höhepunkte werden bewusst wahrgenommen und erlebt, Konflikte bearbeitet.
Konkret kann das heißen:

  • Bei der "Rücken-Übung" schreiben sich alle gegenseitig Statements auf Kartons auf dem Rücken: "Was du gut kannst..., Was ich an dir schätze..., Was ich von dir lernen möchte..."
  • Das "Innenministerium" ist ein Team, das die Kommunikation in der Gruppe fördert und darauf achtet, dass alle ihren Platz in der Gruppe finden. Sie stellen z. B. ein Ferienprogramm zusammen oder überraschen auf Wochenend-Freizeiten mit einem "Betthupferl".

UP - Wortbewegung und geistliche Prozesse

Wortbewegung meint eine Verkündigung, die Jugendliche beteiligt. Es wird viel erlebt und dafür weniger geredet. Das "Wort" kommt in Bewegung und es wird in den Herzen bewegt.
UP ist die Dimension, wo die Gruppe Alltägliches und Banales überschreitet und in eine Glaubensdimension vorstößt. Lebensfragen kommen zur Sprache. Eine gemeinsame Entdeckungsreise in "das Land des Glaubens" wird unternommen, die aber auch für Noch-Nicht-Glaubende offen ist. Zeit für Gott, Zeit mit Gott erlebt die Gruppe bewusst als ein Aufatmen. Mögliche Formen:

  • Einfache, handlungsorientierte Gebetsformen
  • Jugendliche bauen Stationen zu unterschiedlichen Themen und erleben sie anschließend interaktiv.

Leading from behind

Leading from behind deutet auf ein neues Verständnis von Leitung: Gruppen so zu leiten, damit diese möglichst sich selber leiten. Ein paradoxes Ziel? Nur auf den ersten Blick. Jugendliche sollen einen größtmöglichen Freiraum zur Selbstverantwortung bekommen. Mitarbeitende sind dann fast unsichtbar und dennoch sehr präsent und entscheidend für den Gruppenprozess.

Damit wird ein Paradigmenwechsel angedeutet. Die Gegenüberstellung zeigt die Richtung an:
Von --> Hin zu -->
Anordnen und dirigieren --> Fragen stellen und delegieren
Eine bestimmte Entscheidung herbeiführen --> Eine Entscheidung der Gruppe herbeiführen
Gruppendynamik als Problem --> Gruppendynamik als Lernchance
Fehler sind Katastrophen --> Fehler sind Lernchancen
Zugpferd --> Katalysator und Leading from behind
Information --> Kommunikation
Defizite füllen --> Ressourcen wecken
Macht --> Glaubwürdigkeit und Überzeugung
Zeit investieren in Programm und Vorbereitung --> Zeit investieren in Menschen

Leading from behind setzt neue Kompetenzen voraus:

  • Wie kann ich eine Feedback-Kultur in der Gruppe entwickeln?
  • Wie löse ich Konflikte konstruktiv?
  • Wie geschieht Meinungsbildung in der Gruppe?
  • Wie kann Kreativität freigesetzt werden?
  • Wie kann Glaube in der Gruppe erfahrbar werden?

Eine Aktivgruppe leiten bedeutet, die OUT-IN-UP-Dimensionen zu ermöglichen und in der Balance zu halten. Die innere Konzentration richtet sich nicht auf das Programm, sondern auf die Jugendlichen und ihre Potenziale.

Meine Jugendgruppe als Aktivgruppe

In Jugendgruppen ist meistens schon viel vorhanden, um die drei Dimensionen von Aktivgruppen umzusetzen. Zum Beispiel ist oft schon eine intensive Gemeinschaft vorhanden oder die Gruppe hat schon erste OUT-Erfahrungen durch Beiträge bei Sommerfesten usw.

Entscheidend ist, die Beteiligung der gesamten Gruppe umzusetzen ? und das ist ein Knackpunkt sowohl auf der Seite der Mitarbeitenden, als auch auf der Seite der Jugendlichen.
Dementsprechend ergibt es Sinn, konkrete Zäsuren innerhalb der Gruppe als "Neustart" zu benutzen.

Start nach Freizeiten

Freizeiten und Gruppenalltag sind oft zwei paar Stiefel. Wenn aber auf der Freizeit Programmangebote so angelegt sind, dass ein starkes Gruppengefühl entsteht, steht einer Aktivgruppe im Alltag nichts mehr im Weg. Stellen wir uns bei der Freizeitplanung schon die Frage "Wie kann es hinterher weitergehen"?

  • Kontinuierliche Workshop-Reihen ermöglichen die Entdeckung neuer Begabungen.
  • Kommt z. B. der Tanz-Workshop auf der Freizeit gut an, kann daraus eine TeenDance-Gruppe erwachsen.
  • Kleingruppen, in denen intensiv Beziehung gelebt wird, können als Jugendhauskreis, Miniteams oder Brunch-Gruppen weiterlaufen.

Die eigene Berufung finden...

Wenn sich Andrea, Sharif, Kevin, Simon oder Cansu in Aktivgruppen entfalten, und diese Jugendlichen dort Gott begegnen, ihre spezifischen Gaben entfalten, wenn also Heranwachsende ihre Berufung entdecken und die Mitarbeitenden als ihre "Berufungshelfer" in diesen spannenden Prozess integriert sind, dann pulsiert Jugendarbeit neu: Jugendliche entdecken ihre Berufung und leben diese gemeinsam.

Literaturtipp:
Reinhold Krebs, Burkhard vom Schemm
Aktivgruppen
Jugendliche entfalten Talente und entdecken den Glauben
Stuttgart, 1. Auflage 2006

Burkhard vom Schemm, Essen

Aus: Der Steigbügel 3/2007 (325)

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